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SafeTRANS Gespräche

"Eingebettete Systeme sind und bleiben Enabler und Treiber innovativer Fahrzeugfunktionen."

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Klaus Grimm

Foto Klaus Grimm

Dr. Klaus Grimm ist Leiter des Bereichs E/E und Software bei der Daimler AG. Nach dem Studium der Mathematik an der TU Braunschweig begann seine berufliche Laufbahn 1980 im Forschungsinstitut der AEG in Berlin. Er promovierte 1995 in Berlin im Bereich Informatik auf dem Gebiet des systematischen Testens Software-basierter Systeme. Ab 1998 hatte Klaus Grimm bei Daimler verschiedene leitende Positionen inne, u.a. war er von 1998 bis 2006 auch für das DaimlerChrysler Research and Technology Center in Bangalore (Indien) verantwortlich.
Neben den Konzernaktivitäten engagiert sich Klaus Grimm u.a. als Initiator und Sprecher der GI-Fachgruppe Automotive Software Engineering, in der Fachleute aus Industrie und Wissenschaft zusammenarbeiten. Auf europäischer Ebene ist er Präsident der ARTEMIS Industry Association (ARTEMIS-IA) und Mitglied im Board von ITEA2.

Das Auto spielt für unsere Mobilität eine entscheidende Rolle. Dabei verändern sich die Fahrzeuge  kontinuierlich weiter: Sie werden z.B. mit immer mehr hoch entwickelten Fahrerassistenzsystemen (FAS) und Internetanbindung ausgestattet. Individuelles autonomes Fahren rückt in greifbare Nähe. Dr. Klaus Grimm, Daimler AG, erklärt, wie sich die Automobilbranche auf die neuen Herausforderungen einstellt und wie FuE-Projekte zur Standardisierung im Bereich Software beitragen können.

Autonomes Fahren liegt noch in der Zukunft, aber irreal ist es nicht. Wie bewerten Sie als Leiter des  Bereichs E/E und Software bei Daimler die Entwicklungen im Bereich autonomes Fahren?
Klaus Grimm: Autonomes Fahren bringt viele Vorteile, z.B. entlastet es den Fahrer, optimiert Verkehrsflüsse - einschließlich der Vermeidung von Unfällen - und reduziert Verbrauch und Emissionen. Dabei ebnen innovative FAS den Weg zum autonomen Fahren, das hohe Anforderungen an die Qualität und Sicherheit der Systeme mit sich bringt und leistungsfähige und effiziente Entwicklungsprozesse, Methoden und Tools erfordert.
Für die Etablierung des autonomen Fahrens sind aber neben der Technologie die rechtlichen Grundlagen ein entscheidender Faktor. So muss z.B. die Straßenverkehrsordnung angepasst werden. Derzeit laufen Planungen für ein europäisches Förderprojekt, in dem hersteller­übergreifend mit weiteren wichtigen Stakeholdern die Grundlagen für eine entsprechende Gesetzgebung geschaffen werden sollen.

Daimler als Premiumhersteller deckt ein breites Portfolio an Fahrzeugen ab (verschiedene PKW-Klassen, Busse, Trucks). Inwieweit werden softwarebasierte Systeme im Konzern produktübergreifend entwickelt und eingesetzt?
Ein wichtiges Ziel ist es, Prozesse, Methoden und Tools Business Unit-übergreifend zu harmonisieren und zu standardisieren, um die Zusammenarbeit über verschiedene Bereiche hinweg zu erleichtern. Beispielsweise werden zwischen den Bereichen PKW und Transporter sowie LKW und Bus bereits seit Jahren Synergien genutzt.
Mein in der zentralen Forschung und Vorentwicklung etabliertes Center Elektrik/Elektronik und Software-Technologien hat dabei in den letzten Jahren in vielen Bereichen  den Weg hierzu geebnet, u.a. im Bereich Requirements Management, Hardware-in-the-Loop-Test und Funktionssicherheit nach ISO 26262.
Um die Zusammenarbeit konkret umzusetzen, werden Standards zur Vorgehensweise definiert und mit entsprechenden Werkzeugen unterstützt.

Wie stark wird aktuell hersteller­übergreifend auf der Ebene von Prozessen und Methoden für die Entwicklung von Embedded Systems zusammengearbeitet?
Es gibt regen Erfahrungs- und Informationsaustausch auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Konstellationen, so z.B. in der Herstellerinitiative Software (HIS), in Standardisierungs- und Normungsgremien, z.B. AUTOSAR und ISO 26262, sowie in gemeinsamen Förderinitiativen und Förderprojekten auf nationaler und internationaler Ebene. Auf nationaler Ebene wird z.B. stark im Projekt SPES XT und auf internationaler Ebene in ARTEMIS-Projekten kooperiert. Da Koordinierung sehr viel an Synergien mit sich bringt und Prozesse, Schnittstellen und Systeme immer komplexer werden, nimmt auch der Bedarf an Synchronisation und Zusammenarbeit weiter zu.

Sie sind Mitglied im Steuerkreis für die Erstellung einer Roadmap für Embedded Systems (ES) im Automobil, die im Herbst 2013 veröffentlicht werden soll. Was verspricht man sich von dieser Roadmap?
Ziel ist es, gemeinsam zukünftige Herausforderungen im vorwettbewerblichen Umfeld anzugehen. Dazu bedarf es eines abgestimmten Verständnisses von Trends und FuE-Fragen der Zukunft. Auf Basis der Automotive Roadmap Embedded Systems können unsere Aktivitäten, z.B. in Förderprojekten, viel besser geplant und fokussiert werden.

In verschiedenen europäischen FuE-Projekten wird aktuell eine europäische Cooperation RTP entwickelt und aufgebaut, die Prozesse, Methoden und Tools zur Entwicklung von ES enthält. Wie bewerten Sie aus Sicht eines großen OEMs eine solche Referenz-Technologie-Plattform, die interoperable Werkzeug enthält?
Eine leistungsfähige, flexible und durchgängige Entwicklungsumgebung ist für jede Firma eine notwendige Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit und herausragende Produktqualität. Hierzu liefert Interoperabilität zwischen verschiedenen Werkzeugen, insbesondere entwicklungsphasenübergreifend (vom Requirements Engineering über die Modellierung bis zum Test), eine hervorragende Basis. Ein effizientes Zusammenspiel von Werkzeugen muss phasen- aber auch disziplinenübergreifend (z.B. Werkzeuge für die Entwicklung von SW, E/E und Mechanik) unterstützt werden. Vorteile ergeben sich durch eine RTP dann, wenn die Entwicklung von Embedded Systems effizienter und mit geringerer Fehlerquote, insbesondere an den Übergängen von Phasen und Disziplinen, erfolgen kann. So werden Kosten, Qualität und Zeit positiv beeinflusst.

Was bedeutet es, eine RTP zu etablieren?
Viel Arbeit (lacht)! Es müssen die richtigen Festlegungen sowohl technologisch, als auch politisch getroffen werden. Technologisch betrifft dies z.B. unterschiedliche Anwenderanforderungen, auf strategischer Ebene müssen unter anderem die Ziele der Tool-Provider berücksichtigt werden. Daher bezieht man in großen, europäischen Projekten, die sich mit diesem Thema befassen, möglichst viele Key Player ein, damit deren Know-how einfließt und die Position zwischen allen Partnern besser abgestimmt werden kann.

Sie sind seit mehreren Jahren ARTEMIS-IA-Präsident und leiten gleichzeitig den Bereich E/E- und Software-Technologien bei der Daimler AG. Gibt es bei Ihren Tätigkeiten in diesen beiden Ämtern Interessenskonflikte?
Die beiden Positionen ermöglichen es mir, einerseits die Interessen des Konzerns im Bereich der Entwicklung von ES zu bündeln und abgestimmt und geschlossen zu vertreten. Andererseits kann ich Erfahrungen und Strategien anderer Konzerne und wichtige technologische Trends in meine Arbeit bei Daimler einfließen lassen.
Thematische Interessenskonflikte gibt es nicht, eher im Hinblick auf den Zeitaufwand. Die Arbeiten für die ARTEMIS-IA-Präsidentschaft muss ich in Einklang mit meinen Konzernaufgaben bringen. Bisher konnte ich beide Welten gut miteinander verbinden, auch weil ich durch das ARTEMIS Präsidium und das ARTEMIS Office sehr gut unterstützt werde.

Das 7. Rahmenprogramm für FuE der EU endet 2013. Welche drei Dinge wünschen Sie sich, sollten im Nachfolgeprogramm Horizon 2020 verankert sein?
Mein erster Wunsch wäre, die weiter steigende Bedeutung von ES angemessen und gezielt zu adressieren, ohne Vermischung benachbarter Bereiche wie klassische  Halbleitertechnologie oder das Internet betreffende Dienste. Dabei müssen natürlich neue Trends und Entwicklungen wie Systems of Systems und Internet of Things berücksichtigt werden.
Zweitens müssen im Programm auch Innovationen und Standardisierungen als Förderschwerpunkte berücksichtigt werden. Das ist im Moment in den Joint Technology Initiatives recht schwierig, weil die Länder unterschiedliche Förderrichtlinien haben.
Der dritte Wunsch wäre, dass es Horizon 2020 erleichtert, effektiver und weniger bürokratisch unter flexibler Einbeziehung nationaler Strategien und Anforderungen FuE zu unterstützen.
Vielen Dank für das Gespräch!