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Interview: Dr. Andrea Leitner, AVL LIST GmbH

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„Schon sehr früh im Projekt erste Demonstratoren aufzusetzen hat sich als wirklich positiv erwiesen.“

Dr. Andrea Leitner, Projektleiterin bei AVL, über Testmethodiken hochautomatisierter Systeme, den Praxisbezug von Forschung und das Management eines großen europäischen Forschungs- und Entwicklungsprojektes.

Inhaltsverzeichnis

Große europäische Forschungs- und Entwicklungsprojekte sind eine Herausforderung, inhaltlich als auch koordinativ: von der Antragsstellung, Förderung über die laufende Arbeit und vor allem die Gewährleistung der weiteren Nutzung der Projektergebnisse (Stichwort: Nachhaltigkeit). Im Bereich Absicherung hochautomatisierter, vor allem sicherheitskritischer Systeme ist länderübergreifender Austausch extrem wichtig, um sich neben dem Know-how-Austausch zu einer einheitlichen Vorgehensweise und in Richtung Standardisierung abstimmen zu können. Dr. Andrea Leitner, AVL List GmbH und Koordinatorin des EU-Projektes ENABLE-S3, berichtet über den Stand der Forschung nach zwei Jahren Projektlaufzeit und die Arbeit als Managerin internationaler, großer FuE-Projekte. 

Frau Leitner, Sie koordinieren das EU-Forschungsprojekt ENABLE-S3 mit 68 Partnern aus 16 Ländern. Womit beschäftigt sich das Projekt konkret? Was möchte das Projekt erreichen?
Andrea Leitner: Das Projekt beschäftigt sich mit Testmethodik und Testumgebungen zur Absicherung von hochautomatisierten Systemen in unterschiedlichen Anwendungsdomänen. Ein höherer Automatisierungsgrad hat das Potenzial sich positiv auf unterschiedliche gesellschaftliche Aspekte auszuwirken. Zum Beispiel können automatisierte Fahrzeuge die Sicherheit und Effizienz im Straßenverkehr erheblich zu erhöhen. Ähnliches gilt auch für andere Bereiche wie Schifffahrt oder Luftfahrt.
Aktuell wird die Markteinführung allerdings durch das Fehlen einer wirklichen Lösung für die Absicherung dieser hochautomatisierten Systeme verhindert.
ENABLE-S3 versucht einen erheblichen Schritt in diese Richtung zu machen.

Im Projekt geht es u. a. um die Anwendung von Simulation zum Testen hochautomatisierter Systeme/Funktionen in verschiedenen Anwendungsdomänen (Automobil, Luft- und Raumfahrt, Bahn, Seefahrt Gesundheit, Landwirtschaft). Was sind typische konkrete Anwendungen?
Wir beschäftigen uns im Projekt nicht nur mit reiner Simulation, sondern auch mit unterschiedlichen Kombinationen aus Simulation und realen Komponenten, um sicherzustellen, dass wirklich alle Fehler gefunden werden können.
Typische Anwendungen lassen sich am besten durch die Applikationen im Projekt darstellen. ENABLE-S3 ist so aufgesetzt, dass Industriepartner ein konkretes zu testendes System beschreiben. Daraus werden die Anforderungen an das Testsystem abgeleitet und am Ende werden die Lösungen in diesem Kontext evaluiert. Beispiele für solche Anwendungen sind unter anderem Valet Parking Systeme (Anm. d. Red.: siehe auch Safe­TRANS News 2/2017 unter: http://news.safetrans-de.org/ausgabe-2017-02/EU-Projekt_ENABLE-S3.html). Beim Valet Parking wird das Auto an einer Parkgarage abgegeben und sucht sich selbstständig einen Parkplatz. Andere Anwendungen sind unter anderem ein Highway Pilot, der selbstständig auf der Autobahn fährt, oder automatisierte Erntesysteme in der Landwirtschaft.

ENABLE-S3 bereitet im Moment das EU-Reporting über das zweite Jahr vor. Wurden die gesetzten Zwischenziele erreicht?
Ja. Die Entscheidung schon sehr früh im Projekt erste Demonstratoren aufzusetzen hat sich als wirklich positiv erwiesen. Dadurch erhält man sehr schnell Feedback, ob die entwickelten Lösungen die erhofften Vorteile bringen bzw. wo noch Verbesserungsbedarf besteht. Dadurch können wir nun schon am Ende des zweiten Projektjahres eine Vielzahl an Demonstratoren vorweisen, die bei einer öffentlichen Ausstellung Anfang Juli in Dublin gezeigt wurden.

Wie bewerten Sie die bisher erreichten Ziele? Lässt sich bereits absehen, wo ein Durchbruch erreicht werden kann und welche Verfahren eventuell nicht zielführend sind? Tauchen bereits neue Weg auf?
Die Projektergebnisse wecken großes Interesse. Das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Virtuelle Validierung wird mittlerweile in allen Anwendungsdomänen als einzig mögliche Lösung zur Handhabung der hohen Testkomplexität gesehen. Nichtsdestotrotz haben wir mittlerweile erkannt, dass das Problem am Ende des Projekts nicht komplett gelöst sein wird. Allerdings konnten einige wichtige Erkenntnisse gewonnen werden, die gleichzeitig die Anforderungen an zukünftige Projekte stellen. Wir sind stark bestrebt, das aufgebaute Wissen auch mit anderen Projekten zu teilen, um schneller voranzukommen.

Und was bedeuten diese Ergebnisse für die praktische Anwendung?
Ich denke, dass uns die Projektergebnisse einen großen Schritt weiter in Richtung Absicherung und damit auch Homologation oder Zertifizierung, d. h. zur tatsächlichen Zulassung der Systeme, bringen. Wie gesagt, gibt es noch einige offene Fragestellungen, die aber vermutlich nur in einem größeren, globaleren Kontext gelöst werden können.

Kann man die Erkenntnisse der im Projekt entwickelten Use-Cases für jede Domäne in die Praxis übertragen? Falls nein, was fehlt noch?
Erste Teilergebnisse werden schon im Produktivbetrieb bei einzelnen Projektpartnern eingesetzt. Was jedoch noch fehlt, ist ein ganzheitlicher methodischer Ansatz. Das Projekt kann dazu wichtige Bausteine liefern. Allerdings bedarf es dafür die Zusammenarbeit unterschiedlichster Interessensgruppen, wie z.B. auch der Gesetzgebung, Versicherungen, Zertifizierungsstellen, usw.

Welche Vorhaben stehen im Rahmen von ENABLE-S3 konkret in nächster Zeit an?
Nach dem 2nd Year Review im Juli wird das Feedback entsprechend umgesetzt. Außerdem werden die Erkenntnisse aus dem Aufbau der Demonstratoren zur Verbesserung der technischen Lösungen genutzt. Im dritten Projektjahr geht es hauptsächlich darum, letzte Umsetzungen abzuschließen und die gewonnenen Erkenntnisse zusammenzufassen. Das klingt zwar schon eher nach Projektabschluss, beinhaltet aber auch wichtiges Feedback in Spezifikations- und Standardisierungsarbeitsgruppen. Damit sind dies wichtige Schritte, um die Nachhaltigkeit der Projektergebnisse zu sichern.

Sie sind Expertin für Software-Entwicklung. Bei ENABLE-S3 übernehmen Sie die Projekt-Koordination.Was gefällt Ihnen besser: die Forschungsarbeit oder das Forschungsmanagement?
Das ist nicht leicht zu beantworten: bei der reinen Forschungsarbeit kann man sich mit Problemstellungen eher im Detail beschäftigen. Allerdings ist es auch spannend, eine Gesamtübersicht zu haben und gewisse strategische Entscheidungen ableiten zu können.

Welche Lehren ziehen Sie - aus Management-Sicht - aus einem so großen europäischen FuE-Projekt?
Ein Projekt dieser Größe hat sowohl Vor- als auch Nachteile und stellt vor allem eine große Herausforderung dar. Für mich haben sich die folgende Dinge als wesentlich erwiesen:

  • Mit motiviertem Projektteam und engagierten Arbeitspaketleitern funktioniert das Management eines solchen Projekts sehr gut. 
  • Ein Projekt dieser Größe bringt zwar einen höheren Koordinationsaufwand, allerdings ist der Austausch mit anderen Projektpartnern, speziell auch aus anderen Domänen sehr wertvoll. Es ist wichtig, dass man dafür den notwendigen Rahmen schafft. 
  • Durch die Größe des Projekts, bekommt man auch eine gewisse Sichtbarkeit nach außen. Da viele Partner in dem Projekt involviert sind, werden die Ergebnisse auch für externe Partner interessant.

Vielen Dank für das Interview!

Mehr Informationen: http://enable-s3.eu/

ENABLE-S3 im Überblick

Laufzeit Mai 2016 bis April 2019
Koordinator AVL LIST GmbH
Förderung ECSEL Joint Undertaking
Volumen 64,8 Mio. Euro
Fördervolumen 33 Mio. Euro
Partner 68, davon 9 SafeTRANS Mitglieder
Beteiligte Länder 16
Anwendungen Automobil, Luft- und Raumfahrt, Bahn, Seefahrt, Gesundheit, Landwirtschaft

Dr. Andrea Leitner

Andrea Leitner hat 2009 ihren Master-Abschluss in Software Engineering und Wirtschaft und 2012 ihren Doktor-Titel in Kommunikations- und Medientechnik an der TU Graz erhalten. Nach einigen Jahren am Virtual Vehicle Research Center in Graz arbeitet sie derzeit als Projektleiterin und Forschungsingenieurin bei der AVL List GmbH in der Grazer Konzernzentrale in der Abteilung Messtechnik und Testsysteme. Ihr Aufgabengebiet umfasst insbesondere Tests von ADAS und automatisierten Systemen. In diesem Zusammenhang leitet sie das große europäische Forschungsprojekt ENABLE-S3, das verschiedene Aspekte automatisierter Systemtests abdeckt, und verantwortet die Aktivitäten zur Szenariengenerierung und Testplanung innerhalb von AVL.